Tag 6: Handgranaten werfen

Morgendliche Aufräumaktion

Tagwache um 05:45 Uhr. Im Gegensatz zu den Tagen davor, kommt uns tatsächlich der Feldweibel und sein Untergebener wecken. Die beiden betätigen unmittelbar den Lichtschalter, vermutlich wegen der nächtlichen Abenteuer und dem Besuch des Bat-kadi's heute früh. Eine halbe Stunde später sieht unser Zimmer immer noch aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen: Zwei (!) Matrazen sind nass, einige Decken liegen im Fenster um schneller zu trocknen (geschätzte Luftfeuchtigkeit 90% - es wird wieder regnen heute). Nach etwas Arbeit, sieht es ganz ordentlich aus und riechen tut man auch nichts mehr von den Vorfällen der letzten Nacht.

Handgranaten werfen

Nach dem Antrittsverlesen verschieben wir auf einem 6DM (grosser Viehtransport-LKW...entschuldigung Soldatentransport) in die nahegelegene Schiessanlage. Dort sollen wir mit scharfer Munition und scharfen Handgranaten (Übungshalber ohne Splittermantel) einen Drill absolvieren. Zunächst wird natürlich nochmals geübt (mit Steinen). Anschliessend wird scharf geschossen. Nach nur gerade vier Stunden Schlaf habe ich den Eindruck, dass das etwas fahrlässig ist. Ich bin heilfroh, macht der Kamerad an meiner Seite einen wachen, konzentrierten Eindruck und letzte Nacht ebenfalls nicht viel getrunken hat.

Es werden jeweils nur zwei Soldaten (ein sogenanntes Binom, die übliche Truppengrösse bei Verschiebungen im Gefecht) gleichzeitig abgearbeitet. Der Leutnant läuft jeweils mit beiden Soldaten mit. Schreit Befehle und Kommandos. Wir schreien zurück. Alles mit Gehörschutz, da wir scharf schiessen. Rennen, schiessen, Handgranate werfen. Das ganze zwei mal für jeweils fünf Minuten. Zusätzlich 10 Minuten für die Vorbereitung und Feedback. Den Rest des Morgens Zeit warten wir. Die anderen 18 Soldaten müssen ja auch trainieren. In dieser Zeit holen wir etwas Schlaf nach, zwar im Regen, aber wer müde ist kann auch da schlafen. Um 11 Uhr sind wir durch und müssen aufräumen, das heisst möglichst alle Hülsen und Munitionsbestandteile auf dem Schiessplatz einsammeln. Anschliessend Rückverschiebung zur Kaserne, Gewehr putzen (weil wir noch mehr als genügend Zeit dazu haben) und Mittagessen.

Noch eine Bemerkung/Beobachtug zum Handgranaten werfen: Der Soldat, der letzte Nacht eindeutig zu viel Alkohol zu sich genommen
"Der Soldat, der letzte Nacht eindeutig zu viel Alkohol zu sich genommen hatte, durfte trotz Fahne und offensichtlichem Unwohlsein, scharf schiessen und eine Handgranate werfen."
hatte, durfte trotz Fahne und offensichtlichem Unwohlsein, weniger als 8 Stunden nach komatösen Zustand, scharf schiessen und eine Handgranate werfen. Ich konnte beobachten, wie ein Wachtmeister den Soldaten gefragt hatte, ob er sich in der Lage fühle, sicher zu schiessen. Der Soldat wollte nach dem Trockenlauf mit Steinen entscheiden und tat dies dann zugunsten des Laufs. Ich war unsäglich froh, nicht der Binom-partner von diesem Soldaten zu sein. Man fragt sich ausserdem, ob es nicht in der Verantwortung der Vorgesetzten liegt, Konsequenzen zu ziehen und einen Soldaten in solcher Verfassung kurzfristig zu dispensieren.

Endlich Sonne...

Nach dem Mittagessen diskutieren wir das erste Mal diese Woche, ob der Regenschutz angezogen wird oder nicht: Die Sonne zeigt sich. Bisher war die Entscheidung aufgrund des feuchten Wetters immer eindeutig. Um 13:10 Uhr marschieren wir in die Häuserkampfanlage, wo wir eine Einführung in den Häuserkampf erhalten. Grundsätzlich ist der Häuserkampf nicht eines der Metiers eines Aufklärers. So ist die heutige Stunde für viele von uns die erste Erfahrung in dieser Richtung. Wir lernen, gesichert Türen zu öffnen, in Gebäude einzusteigen und die Grundlagen der sogenannten urbanen Aufklärung. D.h. Unser Ziel ist nicht, ein Gebäude zu stürmen, sondern herauszufinden, ob sich jemand (insbesondere der grosse böse Mann...Feind) in einem Gebäude aufhält.

Der Grund für diese „Weiterbildung“ scheint mir durchaus logisch: Die Schweiz ist je länger je stärker überbaut und viele Konflikte finden in überbautem Gelände statt. Die bisherige Ausbildung hat mehrheitlich auf Konflikte, respektive die Überwachung im Wald und auf dem Feld abgezielt. Lernt die Schweizer Armee etwa doch, sich anzupassen?

Beim Training, welches wirklich nur einer Einführung gleichkommt, wird uns schnell klar, wie schwierig zum Beispiel die Deckung beim Erreichen von einigen Häusern ist. Plötzlich müssen wir nicht mehr nur den Boden, sondern auch Fenster und Balkone, als Bedrohung betrachten. Auch das Bewegen im Haus ist anders als man es sich aus Film und TV so vorstellt: Insbesondere mit dem langen Sturmgewehr bieten sich viele Möglichkeiten, sich selbst in die Quere zu kommen.

Rückblick der Woche

Kurz vor 5 Uhr ist unsere Ausbildung zu Ende, wir marschieren zurück zur Kaserne, wo wir zuerst den Unterhalt der Fahrzeuge machen. Bei dem „Wochenparkdienst“ (auch WPD) kontrollieren wir die Ölstände, füllen Verbrauchsmaterialien auf und reinigen die Fahrzeuge grob. Wir tun dies, um bereits für später vorbereitet zu sein. Wir bringen ausserdem einige Materialien ins Mat-Mag (Material-Magazin) zurück und putzen die Schuhe.

Nachtessen: Salate. Bisher gabs sehr viel Kohlenhydrate und Fleisch, aber keine Vitamine. Und heute nun die ganze Wochenration in einem Essen: Salate. Natürlich auch Wurst-Käse-Salat, aber auch Mais, Randen und Feldsalat. Nach dem Essen bleibt Zeit für ein Schwätzchen oder zwei und dann folgt die offizielle WPD Zeit (vorher war nur Vorbereitung, da unsere Ausbildung einmal mehr sehr kurz ausgefallen ist). Wir werden, dank dieser Vorbereitung, sehr schnell kontrolliert (Stichprobenartiges Kontrollieren der Sauberkeit in den Fahrzeugen). Scheinbar haben die Herren Offiziere noch nicht verstanden, dass wir Soldaten merken, dass alles einfacher ist, wenn es im engen Fahrzeug ordentlich ist. Um etwa 19:20 sind wir fertig und haben eine gute Stunde Zeit totzuschlagen. Erst um halb neun hat der Kadi die Theorie zum Wochenrückblick angesetzt. Anschliessend werden wir auch noch eine dreiviertel-Stunde mit einer Lektion „Umweltschutz“ belehrt. Etwas absurd, nachdem an einem Tag rund 40 Handgranaten zum Training geschossen worden sind. Lärmschutz gehört bekanntlich auch zum Umweltschutz...Nach 22 Uhr dürfen wir (nochmals) unsere Schuhe putzen, duschen und ins Bett.

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