Tag 4: Ausbildung und Vorbereitungen zum Handgranaten-Wurf

Und täglich grüsst das Murmeltier

Der Morgen verläuft ähnlich wie gestern: Tagwache um 05:45 Uhr. Eine halbe Stunde später gehts zum Frühstück und anschliessend um 07:05 Uhr zum Antrittsverlesen. Wiederum werden einige aufgerufen, welche heute den letzten Diensttag absolvieren. Nach den allmorgendlichen Informationen, sollen wir in die nahegelegene Häuserkampfanlage transportiert werden. Der Fahrer wurde aber falsch informiert, so dass wir zuerst in der Schiessanlage von gestern Abend ausgeladen werden und schlussendlich zum ersten Ausbildungsblock, dem Karten zeichnen, 15 Minuten zu spät kommen. Karten zeichnen bedeutet einerseits, eine Karte richtig lesen zu können (Höhenlinien, Koordinaten, etc) und andererseits auch, militärische Zeichen (z.B. Einheiten oder auch Bewegungen) richtig auf der Karte einzeichnen zu können. Malen nach Zahlen. Nicht alle sind jedoch in der Lage, eine Anleitung richtig zu lesen. Obwohl wir mit Verspätung angefangen haben, sind wir rechtzeitig fertig um zum nächsten Posten, dem Funkrelais, zu gelangen.

Wir versuchen zunächst selbstständig ein Relais aufzubauen, dann wird uns vorgezeigt, welches Kabel wo eingesteckt gehört und kurz darauf sind wir mit der Übung auch schon wieder fertig: Nach 35 Minuten (geplant waren 60 Minuten) sind wir beim nächsten Posten: Repetition der Funk-Sprechregeln. Glücklicherweise hatten wir genau diese Regeln schon vorgestern repetiert, so dass wir um 10 Uhr auch hier alle Tests gelöst und bestanden haben. Der letzte Posten startet allerdings erst um 11 Uhr, dass heisst wir warten. Weil das Wetter immer noch feucht und kalt ist, ziehen wir uns (getarnt) in eines der Häuser der Anlage zurück und legen uns für 50 Minuten hin. Es ist kalt, aber trocken. Nur kurz überlege ich mir, warum man unbedingt um 6 Uhr oder noch früher aufstehen soll um dann nach vier Stunden bereits aufs weitere Programm warten zu müssen. Warten um zu rennen, und rennen um zu warten, das ist einmal mehr das Motto im Militär.
"Warten um zu rennen, und rennen um zu warten,..."


Letzter Posten des Morgens: Fernantenne aufstellen. Das Funkgerät hat eine begrenzte Reichweite. Mit einer Fernantenne, lässt sich diese Reichweite auf ca. 24 km erhöhen. Wir stellen also eine Antenne auf, brechen sie wieder ab, putzen dass ganze Material (denn es regnet und alles ist dreckig und matschig) und marschieren dann zurück zur Kaserne. Mittagessen.

Wenn der Tag zur Nacht wird..

Nach dem Mittagessen reicht es für einen 20 minütigen Mittagsschlaf, obwohl kaum einer von uns ruhig liegen kann (sprichwörtlich durchgelegen...) Dann werden wir wieder mit dem LKW zum Ausbildungsort transportiert. Erste Station: Nebelkörper werfen. Weil das nicht sehr lange dauern würde, integriert unser Offizier das Ganze in eine Schiessübung. Dazu simulieren wir einen Marsch, währenddessen wir auf gegnerische Truppen stossen. Unsere Reaktion ist extrem langsam und wir treffen kaum eine der Scheiben, welche den Feind repräsentieren. Schiessen aus dem Stand ist offenbar nicht unsere Stärke und der Nebel, den wir werfen um uns gedeckt in Sicherheit zu bringen, wird vom Wind zerfressen. Ich stelle fest, dass wir nicht überlebt hätten wären uns tatsächlich Gegner gegenüber gestanden. Gleichzeitig muss ich dem Offizier der diese Lektion geführt hat ein Kompliment machen: Ich habe gelernt, dass ich auf keinen Fall über offenes Feld gehen soll. Ausserdem sind wir Aufklärer, wenn der Gegner uns sieht, haben wir etwas falsch gemacht.

Nächster Posten: Theorie zur Handgranaten-Ausbildung. Ziel der Lektion ist am Schluss einen Test mit 0 Fehlern abzugeben. Wir werden zuerst mit den theoretischen Grundlagen ausgestattet. Der Ausbildner, wiederum ein Offizier, findet die ganze Angelegenheit ein wenig zu spannend und belehrt uns mit folgenden Weisheiten: "Wenn Ihr einen Fehler macht [beim Werfen der scharfen Handgranate], seid ihr tot! Mausetot! Aber Angst haben muss keiner, nur mit dem nötigen Respekt an die Sache herangehen, dann geht das!" Auch wenn ich den Ernst der Lage durchaus erkenne, muss ich nach dieser Aussage lachen. Didaktisch ist das, so vermute ich, nicht sehr sinnvoll. Den Test bestehe ich wie die meisten andern, nachdem ich kurz zurückgerufen werde um eine meiner Antworten zu korrigieren (nach deutlichem Hinweisen des Unteroffiziers). Das wird über die nächsten Tage noch mit vielen Soldaten geschehen, so dass am Ende dann auch wirklich jeder die Handgranate werfen darf. Grund der 0-Fehler Toleranz bei diesem Test ist, einmal mehr, die rechtliche Absicherung des Bundes für den Fall, dass tatsächlich etwas passiert. Es wird also nachgeholfen wo es geht.

Nach der Theorie müssen wir zwei Posten zum Wurf der Handgranate absolvieren. Genannt LN1 und LN2 (LN steht für Leistungsnorm), wobei zunächst der Wurf statisch geübt wird (mit ungefährlichen Wurfkörpern in LN1) und anschliessend mit Markier-Munition (Knallpatronen in LN2). Der Handgranaten-Wurf wird per Drill eingeübt, damit dann beim tätsächlichen Wurf auch alles klappt. Die richtigen Kommandos, die richtigen Antworten und die richtigen Reaktionen wenn dann mit scharfer Munition und explodierender Granate die Drillpiste (also eine Abfolge von Hindernissen zur Automatisierung gewisser Abläufe, z.B. Dem Nachladen des Gewehrs) wird, kann grobe Verletzung und Unfälle verhindern. Ich bin kein Freund von Drillpisten, finde es in diesem Fall aber angemessen, Trockendurchläufe zu machen.

Zum letzten Posten geht es dann nochmal auf eine zusätzliche, klassische Drillpiste, bei der wir einen Parcours ablaufen müssen und uns verschiedentlich im nassen Gras und Schlamm wälzen dürfen. Grandios, dass es den ganzen morgen geregnet hat. Wie man so kennt, aus den ganzen Army-Filmen, werfen wir uns in den Schlamm, robben uns von einer Stellung in die nächste und simulieren Gefechte. Mein Verständnis für Drillpisten sinkt während dieser Stunde rapide gegen (oder sogar unter) null. Aufräumen, und verschieben zum Nachtessen.

Nach dem Essen in der warmen Stube, müssen wir den Bereitschaftsgrad unserer Fahrzeuge erstellen. Das bedeutet: Material kontrollieren und einräumen, Ölstande und Pneudruck kontrollieren, etc. Diese Vorbereitungen werden häufig auch Phase 0 genannt. Prinzipiell dauert dies immer sehr lange, vor allem weil die Funkverbindungen auf jedem Fahrzeug überprüft werden müssen. Auch heute haben wir ein Fahrzeug, bei welchem ein Funkgerät nicht mehr funkioniert. Soldaten, Gefreite, Wachtmeister sowie Offiziere sind nicht in der Lage, das Problem zu erkennen und zu beheben. Das heisst wir brauchen Unterstützung vom Spezialisten. Man fragt sich, wie dieser Spezialist im Krisen-/Kriegsfall so schnell bei der Kompanie sein soll...warum gibt es nicht einen Spezialisten pro Kompanie der das Problem auf der Stelle beheben kann? Antworten kriegt man darauf nicht... Kurz vor 10 Uhr abends geben wir auf, duschen und dürfen noch eine halbe Stunde mit Freizeit verbringen.

Fazit des heutigen Tages: Die Repetitionen werden langsam langweilig, wir erinnern uns und die typische militärische Warterei scheint wieder einmal Einhalt zu finden. Ebenfalls typisch: Die Probleme beim Funk. Ich frage mich ob es tatsächlich so schwierig ist, diesen Prozess effizienter zu gestalten? Jedes Mal, seit ich in der Armee Dienst leiste, ist mindestens eines der Fahrzeug nicht zu kontaktieren.

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