Tag 3: Grundausbildung - Teil 2

Zum Zweiten: Ausbildung der soldatischen Grundfähigkeiten

Erster Nachmittagsposten: Wachtschiessen. Eine Kombination aus den Wacht-szenarien und dem Kurz-Distanz-Schiessen von heute morgen. Der Offizier erzählt uns eine Geschichte und wir müssen entsprechend darauf reagieren. Als Beispiel: Wir stehen auf der Wache und eine Gruppe Jugendlicher pöbelt uns an. Keiner von uns reagiert. Plötzlich zieht ein Jugendlicher ein Messer und stürmt auf uns. Zeit etwas zu tun: Wir rufen "Halt Militär". Der Angreiffer stoppt nicht. Wir: "Halt, oder ich schiesse!". So zieht sich das hin, bis wir schlussendlich schiessen müssen. Am Schluss werden die Anzahl der Schüsse auf der Scheibe gezählt und mit den Geschichten abgeglichen. Falls die Anzahl stimmt, haben wir den Test bestanden und dürfen von nun an bewaffnet auf der Wache stehen. Die Waffe brauchen werde ich, aus vorher erwähnten rechtlichen Gründen, mit Sicherheit nie.

Nächster Posten: RSG oder Reizstoffsprühgerät, ein Pfefferspray. Es ist offensichtlich, dass in vielen Fällen ein Waffengebrauch keinen Sinn macht, wir uns aber trotzdem irgendwie zur Wehr setzen müssen. Deshalb sind seit einiger Zeit die meisten Wacht-soldaten auch mit diesem RSG ausgerüstet. Meiner Meinung nach eine gute Entscheidung: Mit dem RSG lässt sich ein problematischer Fall "entschleunigen", dass heisst eine heikle Situation kann mit einfachen Mitteln entschärft werden, ohne das permanenter Schaden (wie z.B. Ein Schuss, der physische und psychische Schäden hinterlassen kann) entsteht. In der Theorie also durchaus sinnvoll. Leider ist unser Ausbilder, ein Unteroffizier, nicht viel mehr als heisse Luft. Er argumentiert aggressiv, einseitig und verwendet Floskeln wie "Denn ischs halt so wils so isch". Ich bemühe mich, zwischen Inhalt und Lehrperson zu differenzieren, bekunde allerdings meine Mühe damit und laufe von dem Posten weg mit dem Eindruck, dass die Selektion des unteren Kaders im Militär nicht wirklich streng sein kann.

Anschliessend 300m Schiessen. Die klassische Disziplin, die jeder Soldat jährlich beim Obligatorischen Schiessen durchführen muss. Ich schiesse so schlecht wie vermutlich noch nie in meinem Leben. Meine Erklärung:
  1. Wenig Übung, mein letztes Obligatorisches liegt Jahre zurück.
  2. Die neue Waffe, welche ich noch nicht eingeschossen habe. Vielleicht nicht klar für jeden: Eine Waffe muss eingeschossen werden, weil Schütze A nicht gleich zielt wie Schütze B. Dass heisst, ich muss das Visier für meine Augen und meinen Zielvorgang ausrichten. Das dauert und dafür haben wir keine Zeit. Ich nehme mir trotzdem ein paar Momente und drehe nach jedem Schuss ein bisschen an den Stellschrauben.
  3. Ich sehe nicht mehr gleich gut. Die Scheibe verschwimmt permanent und...ich werde alt.
Trotz alledem treffe ich am Ende etwas besser und bestehe das Schiessen knapp (51 Punkte). Ich denke zum Bestehen sind 44 Punkte notwendig, ich kann mich jedoch nicht erinnern, je unter 60 Punkte geschossen zu haben. Wen juckts?

Letzter Posten: ABC Schutz- Atom-Bio-Chemie. Einer von uns überzeugt den Ausbildner, dass wir die Stunde etwas früher beenden müssen.
"Einer von uns überzeugt den Ausbildner, dass wir die Stunde etwas früher beenden müssen."
Das stimmt sogar, da wir sogenannter Fahnenzug für die Standartenübergabe des WKs sind. Der Ausbildner merkt jedoch relativ schnell, dass niemand wirklich motiviert ist und lässt uns nach dem Minimalprogramm springen. Das Minimalprogramm besteht aus einem 100m Marsch in der Schutzmaske, einem Bananengastest, um zu prüfen ob die Maske dicht ist, und einem 100m Marsch retour. Ich vermute, dass wir eigentlich auch die komplette Schutzausrüstung hätten montieren sollen (d.h. Stiefel, Hosen, Jacke, alles komplett atmungsinaktiv). Ich weiss wie unangenehm das ist, und bin, wie alle andern erleichtert, als wir den Posten verlassen dürfen.

Spezialauftrag Fahnenzug und Abendprogramm

Wir werden zurück zur Kaserne chauffiert und dürfen, weil wir Fahnenzug sind, früher als alle andern essen. Die Standarten-Übergabe ist nichts anderes als eine Schweizer Flagge, die unserem Bataillon während der WK-Zeit übergeben wird. Die Übergabe ist selbstverständlich festlich und pompös, meist mit viel Gerede, oft auch unter Anwesenheit von Politikern. Wir sollen also frühzeitig essen, damit wir uns nachher auf diese Fahnenübergabe vorbereiten können. Weil die Küchenmannschaft darüber nicht informiert wurde, warten wir allerdings 20 Minuten. Ziemlich genau die Zeit, welche die restliche ABC Ausbildung noch gebraucht hätte (hier für einmal kein Vorwurf meinerseits). Wir schlingen also das Abendessen runter (denn mehr als 10 Minuten haben wir nicht) und werden wiederum zum Ausbildungsplatz chauffiert (ja, da sind wir heute zum dritten Mal). Dort angekommen, lernen wir die Choreographie, also das Marschieren im Gleichschritt und die entsprechenden Handgriffe, um die Fahne in Empfang zu nehmen. Wir trainieren das Ganze für 30 Minuten, warten dann eine Stunde und dürfen dann endlich, vor dem ganzen Batallion, unsere Fahne entgegen nehmen. Emotional ist die ganze Angelegenheit höchst uninteressant (was soll ich mit dieser Standarte?). Ich bin nur froh, dass wir anschliessend zurück in die trockene Kaserne dürfen. Parkdienst (das heisst Gewehr und Schuhe putzen) auf freiwilliger Basis und anschliessend duschen. Einige von uns schauen vor der Schlafenszeit noch eine Halbzeit eines Fussballspiels.

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