Tag 3: Grundausbildung - Teil 1

Frühstück, Antrittsverlesen und morgendliche Gedanken...

Tagwache ist offiziell um 5:45 Uhr. Ich stelle den Wecker auf 6 Uhr, bin damit einer der ersten im Zimmer, und habe immer noch genügend Zeit um bis 7 Uhr gefrühstückt zu haben. Es regnet bereits beim Aufwachen. Das drückt die Stimmung, denn der Plan heute ist Ausbildungsposten-Parcours um die soldatischen Fähigkeiten zu erfrischen und auszubauen. Wir werden also den ganzen Tag im Regen stehen. Um 7:15 Uhr findet das Antrittsverlesen statt, wiederum zur Überprüfung der Truppenbestände. In unserer Einheit, oftmals auch Zug
"Während ich dem morgendlichen Traritratra zusehe und mir das Gesicht beinahe einschläft, überlege ich mir warum ich eigentlich hier bin."
genannt, ist niemand über Nacht ausgebüxt. Ich gestehe, letzte Nacht nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet zu haben. Im Prinzip gilt in der Armee ja so etwas wie eine inoffizielle Freiwilligkeit: Wer nicht will, kann zum Arzt und mit einem physischen oder mentalen Wehwehchen kann man die Entlassung durchaus erzwingen. Während ich dem morgendlichen Traritratra zusehe und mir das Gesicht beinahe einschläft, überlege ich mir warum ich eigentlich hier bin. Ich sehe mindestens drei Gründe:
  1. Seit ich eine Weile im Ausland gelebt habe, bin ich froh, in der Schweiz aufgewachsen und meine Ausbildung genossen zu haben. Ja, man dürfte sogar sagen ich sei stolz, Schweizer zu sein. Nicht weil ich denke, dass die Schweiz so viel besser ist als alle anderen, sondern weil die Schweiz anders ist und ich mich mit vielen Grundwerten die "typisch schweizerisch" sind, gut identifizieren kann.
  2. Pflichtgefühl. Ich durfte eine gute Ausbildung geniessen und benutze die Infrastruktur der Schweiz regelmässig. Wenn man dafür von mir verlangt, Krieg zu spielen, dann tue ich das zwar ungerne, aber ich tue es. Im gleichen Sinne wie ich Steuern zahle, auch wenn es nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist. Ob meine Fähigkeiten tatsächlich am effektivsten mit Sturmgewehr und Stahlhelm genutzt werden, zweifle ich zwar stark an, überlasse die Entscheidung (zwangsweise) dem Gesetzgeber.
  3. Steuerrückforderung: Wer keinen Militärdienst leistet zahlt. Und zwar erheblich. 3% des steuerbaren Einkommens wird jährlich zusätzlich als Wehrpflichtersatz verlangt, und zwar zwischen dem 20. und dem 30. Altersjahr. Wer das ausrechnet, kommt auf zusätzliche Steuern im Wert von etwa einem Mittelklassewagen.

Ausbildung der soldatischen Grundfähigkeiten

Etwas militärischer Jargon: Nach dem Antrittsverlesen (AV) werden wir in Duros, das sind kleine Truppentransporter, gepackt und verschieben (d.h. Wir werden chauffiert) auf den Ausbildungsplatz. Dort angekommen finden wir unseren ersten Posten: Funken und Funk-Inbetriebnahme. Mit viel Erinnerungsvermögen schaffen wir die Aufgabe knapp. Es hat Vorteile, in einem jungen Zug zu sein: Die meisten können sich noch an die Rekrutenschule erinnern und wissen noch genau welchen Knopf man wann, wie und wo drücken soll. Ich lerne schnell, vergesse aber noch schneller und schaue deshalb mehr als nur einmal links und rechts.

Anschliessend ein Posten RLV (Restlichtverstärker) und WBG (Wärmebildgerät). Beides sind nützliche Geräte für einen Aufklärer um in der Dunkelheit trotzdem etwas zu sehen. Es werden verschiedene Vor- und Nachteile erläutert und die technischen Details repetiert. Wichtig für uns: Wie stellt man die Dinger an, welche Modi können wir betreiben, was müssen wir ersetzen wenn welche Verbrauchsmaterialen weg sind. Wiederum werden von den geplanten 50 Minuten 15 auf eine Pause abgewälzt: Sei es weil immer nur 2 Personen gleichzeitig "etwas tun können" oder weil schlicht nicht mehr zu erzählen ist.

Nächster Posten: Szenarien beim Wachtdienst. Wir sprechen verschiedene Szenarien durch und repetieren Begriffe wie Notwehr und Notwehrhilfe. Eigentlich relativ gute Themen, aber ich bin nicht mehr in der zweiten Klasse und benötige auch keine "Theater-situation" um mir Begriffe und Prozeduren merken zu können. Trotzdem gebe ich zu, mag es nützlich sein gewisse Abläufe als Trockenlauf durchzuüben. Zum Beispiel: Wie verhalte ich mich um meinen Wach-partner zu schützen, während er eine Person durchsucht. Wo positioniere ich mich und wie halte ich meine Waffe ohne Panik auszulösen und trotzdem ernstgenommen zu werden.

Nächster Posten: KD Schiessen. KD steht für Kurz-Distanz und hat folgenden Hintergrund: Das Sturmgewehr feuert die Kugel so ab, dass die Flugbahn am Anfang etwas absackt und anschliessend einen Bogen nach oben macht. Bei 30 (der Kurzdistanz) und 300m kreuzt die Flugbahn der Kugel die Zielgerade des Schützen. Das heisst mit diesen beiden Distanzen kann man das genaue Treffen tatsächlich üben. KD Schiessen ist immer auch ein bisschen ein "Trainieren mit dem Gewehr umzugehen": Wie schiesst man im Stehen, kniend, liegend, sitzend. Im wesentlichen Munitionsvernichtung (heute ca. 80 Schuss in einer halben Stunde) um sich an den Knall und den Rückstoss zu erinnern. Für mich gar nicht so schlecht: Meinen letzten Schuss habe ich vor mehr als 3 Jahren abgegeben und wirklich wohl fühle ich mich mit dem Gewehr nicht mehr.

Mittagspause

Mittlerweilen ist es kurz vor 12 Uhr, wir sind nass und durchgefroren. Nicht unglücklich steigen wir in den Duro, der uns für eine warme Mahlzeit zurück in die Kaserne bringt. Trocken, etwas Wärme, Mittagessen (Fleischvogel mit Kartoffelstock und Rosenkohl, gar nicht so schlecht). Anschliessend zurück zum Ausbildungsplatz und der Parcours vom Morgen geht weiter.

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