Tag 2: Einrücken - Teil 2

Kadi-theorie und wie den Soldaten ins Gewissen gesprochen wird

Um 14 Uhr wird entschieden, dass es für unsere Gruppe erst um 14:30 mit der Theorie, also der Ansprache des Kadis weitergeht. Der Kadi ist unser Kommandeur und im militärischen Grad ein Hauptmann. In dieser Lektion werden wir informiert, dass es uns nicht erlaubt sei, Fotos und Videos ohne Bewilligung zu veröffentlichen. Dies gilt insbesondere für Beiträge in Social Media Plattformen wie Facebook und Twitter. Auch sollen wir keinerlei Informationen bezüglich der Truppenstärke, des Aufenthaltortes, der Absicht und des Auftrags an Externe weiterreichen. Der Grund für diese Einschränkungen ist offensichtlich die militärische Geheimhaltung. Ich verschwende selbstverständlich nur wenige zynische Gedanken an die Peinlichkeiten und kritischen Fragen die sich die Armee mit einem solchen Vorgehen erspart. Ich erwäge kurz, ob mein WK-Tagebuch auch einem solchen Verbot unterliegt und entscheide kurzerhand, dass mir niemand das Schreiben verbieten darf. Ausserdem realisiere ich erst jetzt, dass mein Vorhaben ein Tagebuch zu führen und dieses gegebenenfalls zu veröffentlichen möglicherweise einen journalistischen Mehrwert haben dürfte. 15:15 werden wir in die Pause entlassen und 15 Minuten später geht die Ausbildung weiter mit Störungsbehebungen und Sicherheitsvorschriften vom Sturmgewehr. Keine Frage: Solche Dinge sind nicht interessant aber wichtig. Ich habe kein Interesse im Schiessstand neben jemandem zu stehen, der nicht weiss was er macht. 20 Minuten Pause, dann Sanitätsausbildung gemäss ABCD Schema. Eigentlich wäre dies wohl die nützlichste aller Fortbildungen überhaupt, denn der Inhalt ist auch im Privatleben von Vorteil. Die Ironie, dass wir zunächst Sicherheitsvorschriften repetieren um uns anschliessend darauf vorzubereiten, was passiert wenn wir diese Sicherheitsvorschriften verletzen lasse ich einmal aussen vor: Verletzungen sind natürlich nicht nur mit dem Sturmgewehr möglich. Leider ist der durchführende Wachtmeister dermassen unmotiviert und unnütz, dass die Zeit sinnlos vergeudet ist: Die Plakate sind voller Fehler, auf Fragen erhalten wir keine vernünftigen Antworten und bereits nach einigen Minuten ist die Lektion von Ablenkung und Blödeleien dominiert. Meiner Meinung nach auch völlig zurecht.

Abendessen und mehr Theorie

Um 17:15 ist der Nachmittag um. Wer nachrechnet realisiert, dass wir heute Nachmittag mehr Pause als etwas anderes getan haben. Hatte ich mich vorher doch zu früh gefreut, so speditiv ist die Sache nicht. Natürlich kommts noch besser: Unser nächster Termin ist das Abendessen um 18.00 Uhr, das heisst erstmal... Pause. Nach dem Abendessen, ich bin um ca. 18:30 fertig, gibts nochmals, wer hätte das gedacht, eine Pause, um anschliessend erfrischt eine Theorie zum Wachtdienst zu hören. Dort erwartet uns ein Test der uns, falls bestanden, dazu berechtigt mit scharfer Munition und Pfefferspray Wachtdienst zu leisten. Die Aussage des Kommandeurs während des Theorieblocks ist relativ klar:
"Konsequenterweise nehme ich mir vor,wie ich das schon in allen vorherigen WKs tat, während Wachtdiensten meine Waffe nie auch nur anzufassen."
Solange wir auf der Wache nicht scharf schiessen, wird er uns decken. Sollten wir allerdings schiessen, müssen wir die rechtlichen Konsequenzen selber tragen. Er könne uns dann nicht mehr schützen. Generell ist das gut gemeint, ich frage mich nur, warum ich dann unbedingt mit einer unterladenen Waffe (d.h. es ist noch eine Ladebewegung notwendig bevor ich schiessen kann) Wachtdienst machen muss. Falls ich sehe, dass jemand zum Beispiel einen Panzer stiehlt, müsste ich theoretisch zur Seite stehen, die Polizei informieren und auf Verstärkung warten. Denn nur so bin ich geschützt. Falls ich schiesse und jemanden verletze, wird dies eine rechtliche Diskussion über die Verhältnismässigkeit entfachen, bei der ich nur verlieren kann: Der Panzer hat ja keine Munition geladen, und ohne Munition kann ein Panzer keinen Schaden anrichten...oder etwa doch? Abgesehen davon, müsste ich mit der Tatsache leben, jemanden verletzt oder gar getötet zu haben. Konsequenterweise nehme ich mir vor, wie ich das schon in allen vorherigen WKs tat, während Wachtdiensten meine Waffe nie auch nur anzufassen. Der anschliessende Test ist selbstverständlich nur eine rechtliche Absicherung, so dass die Verantwortung weitergereicht werden kann, falls etwas schief gehen sollte. Ein Indiz dafür ist der Umstand, dass der Test in Gruppenarbeit gelöst werden kann. Der Kompaniekommandant, notabene verantworlich, sieht dass wir abschreiben und miteinander diskutieren. Er reagiert nicht.

Integrale Sicherheit und Zimmerinspektion

Um 19:45 gibts 15 Minuten Pause. Anschliessend noch einmal einen Block Theorie mit dem Thema "Integrale Sicherheit". Die Vorlesung besteht im wesentlichen aus einem Video (aus Bundesbern) der vom Schutz sensitiver Daten handelt. Unter anderem sind zu berücksichtigen: Papierabfälle im Büro, Ausdrucke welche in Etagendruckern liegen bleiben, offene beziehungsweise ungeschlossene Büros, aber auch elektronische Daten wie z.B. Emails, welche auch Jahre später noch vorhanden sind. Das Video ist zwar etwas dämlich, spricht jedoch ein wichtiges und zukunftsträchtiges Thema an. Den Link zu mir als Soldat verstehe ich nicht, denn ich erhalte auf meiner Stufe praktisch keine sensitiven Daten (abgesehen von der Truppenstärke, Ort und Auftrag), trotzdem versuche ich aus dem Video etwas für mein Privatleben mitzunehmen.

20:35 Uhr, die Ausbildung endet. Unsere nächste Verpflichtung ist um 21:30 Uhr die Inspektion des Zimmers. Wir verwenden ein paar Minuten um die offensichtlichen Unregelmässigkeiten zu beheben und bestimmen einen "Hamburger", das heisst einen WK-Erstling zum Zimmerchef. Die Inspektion ist für einmal kein Problem, möglicherweise auch weil nicht ganz so streng kontrolliert wird, wie man sich das aus der RS gewöhnt ist. Danach dürfen wir duschen und ins Bett.

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