Tag 2: Einrücken - Teil 1

Nun ist es also soweit, ich muss offiziell für drei ganze Wochen einrücken.

Anreise

Bereits um 7.00 Uhr befinde ich mich auf dem Weg zum Bus. Ich schäume vor Wut und verfluche die drei Treppen in meinem Wohnhaus, die ich das ganze Material runterschleppen muss. Die neuen Trolleys sind zwar bequem, allerdings nur solange man sie auch rollen kann. Ich mache mir eine mentale Notiz und überlege, ob eine altersgerechte Wohnung beim nächsten Umzug eine Option ist.

Kurz vor 9 Uhr treffe ich in St.Gallen beim Shuttlebus ein. Wir beladen den grossen 6DM und werden dann, wie Vieh zum Schlachten zusammengepfercht, zur Kaserne transportiert. Um halb 10 habe ich mich angemeldet, das Dienstbüchlein abgegeben und meinen Zug, also meine Einheit, gefunden. Abgesehen von einem Wachtmeister begrüsst mich niemand. Ich werfe ein pauschales "sali zäme" in die Runde und ignoriere alle militärischen Grade und Formalitäten. Ich bin ein alter Hase und darf das..

Einnisten

10.00 Uhr. Wir warten. Etwas später fassen wir unser Material und nisten uns in unserer Unterkunft ein. Natürlich sind wir noch nicht komplett: Einige sind zu spät, andere rücken erst gar nicht ein. Wir übrigen, die wir die Konsequenzen einer solchen Verweigerung befürchten, räumen die Unterkunft ein, bereiten die Ausrüstung vor und versuchen eine Zimmerordnung zu erstellen. Da niemand die Initiative ergreift und sagt was wo hin gehört, sage ich bereits jetzt voraus, dass die erstellte Zimmerordnung noch nicht ausreichen wird. Wie dem auch sei, ich werde mich nicht exponieren und bereits in den ersten Stunden Initiative zeigen. Das könnte falsch aufgefasst werden, von Kameraden und Vorgesetzten gleichermassen.

Antreten

Kurz vor 12 Uhr dann das Antrittsverlesen (AV). Hier werden Truppenbestände aufgenommen und Informationen auf Stufe Kompanie weitergereicht. Für mich und meine Kameraden wichtig: Erstens, wir haben am Donnerstag bereits Ausgang. Zweitens, heute geht's im Anschluss zum Mittagessen um 13.00 bereits mit Ausbildung und Repetition der soldatischen Grundkentnisse weiter: Funken, ABC-abwehr (also Atomare-, Biologische- und Chemische-Waffen und wie wir uns dagegen zu schützen haben), Sanitätsdienst, Umgang mit der persönlichen Waffe und vieles mehr. Anschliessend gibts etwas zu essen. Ich spreche mit einigen Leuten die ich noch kenne, allerdings nicht viel. Um 12:20 bin ich fertig und setze mich vor die Kaserne um die Sonne zu geniessen. Es fallen mir bereits einige positive Dinge im Vergleich zu anderen WKs auf: Erstens, unsere Kaserne ist Luxus! Wir haben für einen Trupp von geschätzten 20 Leuten zwei Zimmer mit je 16 Betten zur Verfügung. Ausserdem hats in jedem Zimmer Fenster und ich konnte mir sogar ein Bett neben einem Fenster
"Aber möglicherweise kann das "speditiv zur Sache kommen" als Zeichen dafür interpretiert werden, dass sich unsere Vorgesetzten tatsächlich ein wenig Gedanken über den Ablauf gemacht haben."
sichern. Genügend Stellplatz, keine Doppel- oder gar Dreifach-betten. Mehr als genug Platz für jemanden, der mehr als nur einen WK in engen, dunklen und stinkigen Zivilschutzkellern übernachtet hat. Wir durften sogar Bettwäsche fassen und müssen nicht im ebenfalls erhaltenen Schlafsack schlafen. Zweitens: Bereits am ersten Nachmittag scheint etwas zu geschehen. Nicht dass ich wahnsinnig interessiert wäre, an den repetitiven Aufgaben die uns heute Nachmittag erwarten. Aber möglicherweise kann das "speditiv zur Sache kommen" als Zeichen dafür interpretiert werden, dass sich unsere Vorgesetzten tatsächlich ein wenig Gedanken über den Ablauf gemacht haben. "Nicht zu viel Hoffnung, Soldat Hülsesack" denke ich mir, stehe auf und hole mein Gewehr und meine Ausrüstung.

Ausbildung

Um 13 Uhr beginnt tatsächlich die erste Tranche unserer Ausbildung. Wir repetitieren zuerst geplante 50 Minuten die Funksprache und das Meldeschema: Im Prinzip wie von uns gesichtete feindliche Einheiten an unsere Kommandostelle gemeldet werden sollen. Es ist tatsächlich wichtig, diese Meldungen zu standardisieren, denn manchmal ist die Funkverbindung nicht ideal und wenn die Kommandostelle unsere Meldungen nicht richtig erhält, wissen die nicht was passiert und können entsprechend keine vernünftigen Entscheidungen fällen. Von all diesen Vorgängen wird allerdings kaum gesprochen, dafür müssen wir zeigen, dass wir Englisch bis auf 10 zählen können und das Funkalphabet auswendig wissen. Von den 50 geplanten Minuten langweilen wir uns also etwa 30 Minuten und machen die restlichen 20 Minuten Pause.

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