Tag 10: Flüssiges Frühstück - Teil 1

Cervelat, Brot und Bier...zum Frühstück

Um 6:00 Uhr, nach meinen obligatorischen sechs Stunden Schlaf, ist Tagwache. Ich muss zunächst Funkwache und Nahsicherung übernehmen. Das tue ich, bis die Patroullien der Nacht wieder zurück sind. Abgekämpft, durchgefroren und jammernd haben sich die Kameraden durch das gegnerische Gebiet geackert. Nur am frühen Morgen wurden einige entdeckt. Ein bisschen wehleidig sind sie alle, doch Mitleid habe ich nicht. Sie haben sich schliesslich freiwillig für die Nachtaktion gemeldet. Das Frühstück wird vorbereitet und um 8:00 Uhr wird gegessen. Etwas stossend: Diejenigen welche die ganze Nacht wach waren, grillieren eine Cervelat auf dem Grill des Hofbesitzers und trinken ein Bier. Selbstverständlich sehen die Besitzer das, realisieren aber nicht, dass die Jungs die ganze Nacht wach waren. Gute Imagepflege...
"Diejenigen welche die ganze Nacht wach waren, grillieren eine Cervelat auf dem Grill des Hofbesitzers und trinken ein Bier... Gute Imagepflege."

Wenn der Vorgesetzte nicht delegieren kann

Anschliessend ans Frühstück werden die Packungen erstellt, das Material kontrolliert und unsere Autos zur Abfahrt vorbereitet. Dann warten wir. Grund: Unser Oberleutnand muss einen Einsatzrapport durchführen. Kurz vor 11 Uhr gibt es eine kurze Einsatzbesprechung auf unserer Stufe. Motto: Alles ist gut, nichts was wir besser machen müssten. Ich erinnere mich, zwei mal ein wenig Wache geschoben zu haben und bin etwas erstaunt, wie schnell man hier gelobt wird. Selbstverständlich ist das Lob hauptsächlich den Patroullien zuzuordnen, aber differenziertes Feedback ist im Militär bekanntermassen Mangelware. Brisant an der ganzen Geschichte: Die Funkverbindungen waren die ganze Nacht über schlecht. Eigentlich ist es Aufgabe des Zuggefechtsstands, also unserer Basis, dies zu verbessern. Der Bauernhof ist allerdings so bequem, dass niemand das wirklich tun will und auch keine Verbesserungsvorschläge macht. Wir Fahrer bleiben also beim Bauernhof und müssen schlafen (sonst dürfen wir den Rest der Truppe am nächsten Morgen nicht nach Hause fahren), und weil der Offizier praktisch die gesamte restliche Mannschaft auf Patroullie geschickt hat, hat er keine Leute mehr um zusätzliche Aufgaben, wie zum Beispiel die Verbesserung der Funkverbindungen, zu lösen. Unser Chef schnappte sich also letzte Nacht ein Fahrzeug, mit welchem er die ganze Nacht durch die Gegend kurvte um die Verbidnung zwischen Patroullien und Kompaniekommandant aufrecht zu erhalten. Mit anderen Worten, während die Patroullien gute Arbeit geleistet haben, hat die Basis vollends versagt. Selbstverständlich merkt das niemand auf Stufe Kompanie (die Meldungen treffen ja ein und machen auch noch Sinn), aber falls die Übung mehr als ein paar Stunden gedauert hätte, wäre ein solcher Effort niemals aufrecht zu erhalten gewesen.
"...falls die Übung mehr als ein paar Stunden gedauert hätte, wäre ein solcher Effort niemals aufrecht zu erhalten gewesen."

Häuserkampf

Nach der Besprechung fahren wir zurück, tanken unsere Fahrzeuge und räumen ein wenig auf. Wir haben dann eine halbe Stunde Zeit. Diejenigen die in der Nacht nicht schlafen konnten, nutzen die Zeit um etwas nachzuholen. Ich schreibe an diesem Tagebuch. Dann Mittagessen. Um 13:00 Uhr nochmals eine Übungsbesprechung. Diesmal mit dem Kompaniekommandanten. Wie gehabt, auf Stufe Soldat ist jeder zufrieden mit uns. Niemand erwähnt irgendetwas Negatives. Uns wird erklärt, dass wir stolz sein dürfen, Aufklärer zu sein und uns weiterhin mit so viel Engagement verhalten sollen. Ich muss ein wenig lachen, wenn ich an die Grilladen und das laute Gejohle letzte Nacht denke.

Kurz nach 14:00 Uhr marschieren wir den knappen Kilometer zur Häuserkampfanlage um diese neu-gelernte Technik noch etwas zu vertiefen. Das beginnt konstruktiv und langsam, um einzelne Schritte im Detail zu üben. Anschliessend werden Markeure (also Soldaten die den Feind darstellen) verwendet um die Situation realistischer zu gestalten. Soweit so gut, das erste „Päng!“ ist noch lustig, wenn ein Markeur einen Aufklärer pro-forma erschiesst. Wir diskutieren was falsch lief, was man besser machen kann und versuchen es erneut. Je länger das Training dauert, desto lauter werden allerdings die „Pängs“. Das ganze transformiert sich bereits nach kurzer Zeit in einen Hausüberfall wie man ihn von den Grenadieren kennt: Laut und gewalttätig. Entspricht also exakt nicht, was unsere Aufgabe ist: Dem leisen und überlegten Infiltrieren eines Gebäudes, wie es ein Aufklärer eben machen sollte. Einige wenige klinken sich aus, inklusive mir selber. Ich beobachte das Verhalten der „Hauptakteure“ und erinnere mich an Räuber- und Gendarm respektive Indianer und Cowboy-spiele als kleiner Junge: Unsystematisch, und laut. Lustig zwar, aber nicht unbedingt immer mit grossem Trainingseffekt.

Das Ganze steigert sich ins absolut Absurde: Irgendwann steigen fünf Soldaten über ein Vordach in ein Gebäude und ins Treppenhaus, obwohl zwei andere Soldaten die Treppe von innen bereits gesichert haben. Niemand (weder Unteroffiziere noch Offizier) schreitet ein und versucht Struktur und Effizienz zu etablieren. Wir sind 10 Soldaten die Kinderspiele spielen und 10 Soldaten die zuschauen und sich fragen, was wir hier eigentlich tun (Steuergelder sinnvoll verwenden und die Schweiz schützen, ja genau..). Ich bin froh, als um etwa 16 Uhr, die Idee eines Fussballspiels aufkommt. Notabene, hätte die Ausbildung bis 18 Uhr dauern sollen...

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